Es wird Zeit, einen Gedanken wieder ernst zu nehmen, der im Berufsalltag fast schon verdächtig wirkt: Weniger ist mehr. Nicht als flacher Kalenderspruch, sondern als radikale Haltung. Denn unser Arbeitsalltag ist bereits komplex genug. Prozesse, Regeln, Richtlinien, Abstimmungen – kaum ist etwas entschieden, wird es erweitert, abgesichert und dokumentiert. Einfach war gestern, falls es dieses „Einfach“ überhaupt jemals gab. Dabei entsteht diese Komplexität selten aus echter Notwendigkeit. Sie entsteht meist aus Angst. Angst, etwas zu übersehen. Angst, allein Verantwortung für ein Risiko zu tragen. Also wird ergänzt, verkompliziert und doppelt abgesichert. Noch eine Regel, noch ein Prozess, noch ein Meeting. Das Ergebnis ist kein besseres Arbeiten, sondern Stillstand mit Beschäftigungstherapie. Menschen bedienen Systeme, statt Wirkung zu erzeugen. „Weniger ist mehr“ bedeutet in diesem Kontext nicht, Dinge banal zu machen. Es bedeutet, konsequent alles wegzulassen, was keinen klaren Zweck mehr erfüllt. Viele Prozesse in unseren Unternehmen sind heute nichts anderes als ein Archiv vergangener Entscheidungen. Jeder einzelne hatte einmal seine Berechtigung, doch kaum jemand stellt sie später wieder infrage. So bleiben sie als Ballast bestehen und blockieren genau das, was sie eigentlich ermöglichen sollten: klares, effizientes Handeln. Diese Befreiung von Ballast beginnt mit einer unbequemen Frage: Wozu? Wozu diese Regel, wozu dieses Reporting – und wozu eigentlich diese Sprache? Buzzwords, Frameworks und hochtrabende Begriffe erzeugen oft mehr Nebel als Klarheit. Man redet von Alignment, Ownership oder Transformation, wenn man eigentlich etwas sehr Konkretes meint, sich aber nicht traut, es einfach auszusprechen. Auch das ist Komplexität. Eine sprachliche. Sie schafft Distanz statt Orientierung. Wer verstanden werden will, braucht keine großen Worte, sondern klare. Wenn auf die Wozu-Frage keine ehrliche Antwort folgt, ist Weglassen keine Option, sondern Pflicht. Doch genau hier liegt die Hürde. Weglassen ist unbequem. Es erfordert Mut. Denn es bedeutet, eine klare Entscheidung zu treffen. Und entscheiden heißt, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Es ist sicherer, Komplexität zu verwalten, als Einfachheit gegen den Widerstand des Gewohnten zu verteidigen. Gerade hier sind Führungskräfte gefragt. Nicht als Multiplikatoren neuen Regelwerks, sondern als Filter und Schutzschild für ihre Teams. Einfachheit ist kein Zeichen von Naivität. Sie ist ein Zeichen von Reife.